Definition

Der amerikanische Kinderpsychiater R. A. Gardner definiert PAS wie folgt:

„Das Syndrom der Elternentfremdung (Parental Alienation Syndrome) ist eine Störung des Kindesalters, die fast ausschließlich im Zusammenhang mit Sorgerechtsstreitigkeiten auftritt. Die Störung äußert sich hauptsächlich in einer Ablehnungshaltung des Kindes gegenüber einem Elternteil, die in keiner Weise gerechtfertigt ist. Diese Haltung entsteht aus dem Zusammenwirken von Indoktrinierung durch einen programmierenden (eine Gehirnwäsche betreibenden) Elternteil und dem eigenen Beitrag des Kindes zur Verunglimpfung des zum Feindbild gewordenen anderen Elternteils. Im Fall von echtem Kindesmissbrauch und/oder Vernachlässigung kann die Feindseligkeit des Kindes begründet sein; in diesem Fall darf das Parental Alienation Syndrome als Erklärung für die feindliche Haltung des Kindes nicht herangezogen werden.“

Das Konzept „Parental Alienation Syndrome“ wird also durch drei Elemente definiert:
Ablehnung oder Verunglimpfung eines Elternteils, die das Ausmaß einer Kampagne
erreichen, d. h. andauernd und nicht nur als gelegentliche Episode.

Die feindselige Ablehnungshaltung ist irrational, d.h. die Entfremdung ist nicht eine
angemessene Reaktion auf das Verhalten des abgelehnten Elternteils und beruht nicht
auf tatsächlich gemachten negativen Erfahrungen mit dem zurückgewiesenen Elternteil.

Sie ist Teilresultat des Einflusses des entfremdenden Elternteils.

Wenn eines dieser drei Elemente fehlt, kann nicht von PAS gesprochen werden.

Bei PAS – vor allem bei der mittelschweren (moderate) und schweren (severe) Form – lässt sich ein Komplex von acht Hauptsymptomen im Verhalten des Kindes identifizieren (bei der leichten Form sind ggf. nicht alle vorhanden). Diese können in Stärke und Ausprägung variieren, was für die Art der notwendigen rechtlichen und psychologischen Interventionen von Bedeutung ist:

1. Unbegründete Zurückweisungs- und Verunglimpfungskampagne
2. Absurde Rationalisierungen
3. Fehlen von normaler Ambivalenz
4. Reflexartige Parteinahme für den programmierenden Elternteil
5. Ausweitung der Feindseligkeit auf die gesamte Familie und das Umfeld des zurückgewiesenen Elternteils
6. Das Phänomen der „eigenen Meinung“
7. Verleugnung von Schuldgefühlen über die Grausamkeit gegenüber dem entfremdeten Elternteil
8. Übernahme „geborgter Szenarien“


Die Diagnose und der Schweregrad des PAS werden anhand des kindlichen Verhaltens festgestellt und nicht aufgrund des Ausmaßes der Manipulation, der das Kind ausgesetzt ist. Eine sorgfältige Diagnostik des gesamten Familiensystems und die Identifizierung der manipulierenden Person(en) sind unabdingbar.
Auch die Rolle des sog. entfremdeten Elternteils und ggf. dessen Anteile am Entfremdungsprozess müssen sehr genau abgeklärt werden, um Fehldiagnosen zu vermeiden.
PAS ist nicht ”Umgangsvereitelung“ oder ”Kontaktverweigerung” und/oder ”Entfremdung“ eines Kindes gegenüber dem außerhalb lebenden Elternteil bei Trennung/Scheidung – wie viele meinen –, sondern eine psychiatrisch relevante kindliche Störung aufgrund einer psychischen Traumatisierung.
Im Unterschied zu anderen, z.B. psycho-dynamischen Erklärungsversuchen von kindlicher Kontaktverweigerung liegt bei PAS regelmäßig eine massive Umgangsbehinderung/-vereitelung und/oder Manipulation/Indoktrination des Kindes vor.
Die Manipulation erfolgt – bewusst oder unbewusst – durch den hauptsächlich betreuenden Elternteil und/oder anderen Bezugspersonen (nicht geschlechtsspezifisch), von denen das Kind abhängig ist.
Auch Einstellung und Verhalten professioneller Scheidungsbegleiter spielen im weiteren Verlauf von Entfremdungsprozessen eine wichtige Rolle. Wichtige Entfremdungstechniken bei der Induktion von PAS sind u.a. Abwertung, realitätsverzerrende Negativdarstellung des anderen Elternteils, Umgangsboykott, Kontaktunterbrechung, gezielte Fehlinformationen, suggestive Beeinflussung und/oder Vermittlung von verwirrenden Doppelbotschaften. Bisweilen wird indirekte (z.B.Liebesentzug) und direkte (z.B. körperliche) Gewalt zur Manipulation der Kinder eingesetzt. Angst, Abhängigkeit und Identifikation mit dem Entfremder ebnen dann den Weg für die Entstehung des PA-Syndroms.